Verlagspraktika

Ich habe Anglistik und Germanistik studiert, nicht ganz so schlimm wie Philosophie aber doch so eine Aha-und-was-machst-du-dann-damit-Kombination. Das wusste ich im Bachelor selbst noch nicht so genau, vielleicht haben mich solche Fragen auch deshalb genervt, also wollte ich vor dem Master Berufserfahrung machen. Ich konnte mir immer Verlagsarbeit vorstellen, wollte mir darüber klar werden, ob das auch wirklich stimmt, meine Zukunftsvisionen zusammenbasteln, Erfahrungen sammeln und meinen Lebenslauf besser aussehen lassen.

Verlagspraktika sind ziemlich beliebt, ziemlich überlaufen und ziemlich unbezahlt, entsprechend spaßig ist das Suchen und Bewerben. Letztendlich ging es bei mir mit einem Jahr Vorlauf ganz gut, man muss eben früh genug anfangen. Jetzt habe ich zwei Verlagspraktika erfolgreich hinter mir, eins in Deutschland und eins in Schottland, beide in kleinen Verlagen mit kleinen Büros und kleinem Team.

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Mikrokosmos

Bei Arbeit erlebt man es doch eigentlich oft umgekehrt und ist überrascht, wie viele Leute hinter vermeidlich wenig Zeug stecken. Wenn man den Abspann von Filmen sieht zum Beispiel und es sieben verschiedene Tiertrainer für die kurz auftauchenden Hunde und einen persönlichen Stylisten für jede Hauptfigur gibt. Hunderte von Namen. Der Verlag, in dem ich in Schottland gearbeitet habe, hatte vier feste Mitarbeiter. Ziemlich überschaubar für die ganzen Bücher finde ich. Klar war das kein bekannter Verlag, der Bücher auf der ganzen Welt vertreibt, aber einige Projekte und Autoren waren schon groß. Eine landesweit bekannte Journalistin zum Beispiel hat einen Kommentar zu Brexit und Independence Referendum geschrieben. Bei vier Leuten ist kein Platz für Marketing- und Grafik- und PR-Abteilung. „Ingo aus der Buchhaltung hat angerufen,“ hat meine Mitpraktikantin an meinem ersten Tag gesagt. „Nicht Ingo aus der Buchhaltung, Ingo ist die Buchhaltung!“ hat unser Chef erklärt. An einem hektischen Nachmittag hat das ganze Büro bei der letzten Korrekturlesung mitgemacht, weil das Buch am nächsten Morgen in den Druck sollte. Unser Chef hat viele Bücherkisten selbst in den zweiten Stock geschleppt als der Aufzug kaputt war – und wieder runter als der Autor sie abgeholt hat. Schön zu sehen, dass es nicht immer ein riesiges Monopol sein muss.

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Memoiren

Durch die Verlage habe ich Bücher gelesen, die ich im Buchladen nicht einmal eines zweiten Blickes würdigen würde. Manche zurecht, manche habe ich sehr genossen. Manchmal habe ich drauf hingefiebert zur Arbeit zu fahren, weil ich wissen wollte wie die Geschichte weitergeht, die ich grade Korrektur lese. Dabei ist so gefesselt zu sein eigentlich nicht förderlich fürs Korrigieren. Mein Liebling war eine fiktionalisierte George Orwell Biografie, meine Durststrecke ein viel zu langer Wanderführer. In Schottland habe ich viele Manuskripte gelesen und durfte die Ja-Nein-Vielleicht Entscheidung treffen. Selbst die ganzen Neins waren irgendwie spaßig, es ist erstaunlich wie viele Leute denken ihre Memoiren seien unglaublich interessant und wertvoll und wie wenige das tatsächlich sind.

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Löffelenten

Im ersten Verlag in dem ich war, haben sie viele Sachbücher gemacht. Vorzugsweise von Fachleuten, die nach der Rente etwas Leidenschaftswissen für die Nachwelt festhalten wollen – die Geschichte der Röntgenstrahlen, die Löffelentenpopulation des örtlichen Naturschutzgebietes, Tiere in der plastischen Kunst des Mittelalters. Ärzte und Lehrer sind die schlimmsten Autoren, wurde mir gesagt. Sie diskutierten über jedes geänderte Komma. Alle, mit denen ich zu tun hatte, waren nett, aber es stimmt, Autoren sind oft sehr eigen, besonders, wenn es um ihre Bücher geht. „Ich rufe noch wegen einer ganz wichtigen Änderung an, auf Seite 137 im dritten Satz vom vierten Absatz, da möchte ich doch lieber ein Semikolon statt einen Gedankenstrich, der passt da doch nicht so gut, finden sie nicht auch?“ Ein schottischer Autor sah sein Limerick-Büchlein über Kunstgeschichte (Limericks sind kurze Verse mit gelungenen oder weniger gelungenen Wortspielen) „in jedem Badezimmer in ganz Großbritannien“ liegen, ein anderer hielt die völlig verpixelte Röntgenaufnahme eines Magentumors für das einzig passende Coverbild. Man kann sich viel amüsieren über eigenbrötlerische, verrückte Autoren. Aber letztendlich fand ich es schön – vielleicht am besten an der Verlagsarbeit – mit dem Autor zusammen zu erleben, wie ein Buch entsteht. Mit welcher Hingabe und Sorgfalt über kleinen Dingen gebrütet wird. Und wie aufgeregt sich alle auf das Paket mit den ersten Exemplaren stürzen.

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