Marokko

Der für mich beeindruckendste Moment in Marokko war, eigentlich ganz banal, der allererste Abend, oder besser die allerersten Minuten, in denen wir durch die Innenstadt gelaufen sind. Als ich mit 14 zum ersten Mal in New York war, haben mich meine Eltern abends direkt zum Times Square mitgenommen und ich kann mich erinnern, wie ich als kleines Zahnspangenmädchen die ganze Zeit fasziniert nach oben zu den Wolkenkratzern gestaunt habe.

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Koutoubia Moschee

Ich war völlig vereinnahmt davon, wo ich grade bin, weil alles so fremd und anders aussah. Wir sind (nach Flughafenkontrollschlagen, bei denen mein ungeduldiger Vater alle Besonnenheit und Ruhe über Bord geworfen hätte) erst abends so gegen acht in Marrakeschs Innenstadt angekommen, direkt auf dem Djemaa el Fna, dem größten zentralen Marktplatz. Abends ist der bunt und laut und voll mit Menschen. Schlagen liegen auf der Straße und werden mit Flöten beschallt – manche Kobras waren auch ganz schlagenbeschwörertypisch mit ausgebreiteter Haube aufgerichtet, kleine Berberaffen sitzen auf Schultern, es gibt eine riesige Menge an lärmenden und intensiv riechenden Essensständen und von überall kommt Gerufe, Gerenne, Musik und Licht. Es war sehr orientalisch – und sehr fremd und faszinierend für mich.

Farben und Muster

davIch hätte nicht gedacht, dass Farben und Muster so viel ausmachen. Alles ist viel brauner und röter als bei uns. Die Lehmhäuser leuchten rot in der Sonne und sehen toll aus neben blauem Himmel und grünen Palmenblättern, die Straßen sind oft nicht gepflastert sondern plattgetreten und brau-gelb staubig, Tonwaren und Stoffe sind orange und pink und gelb und golden. Wüste und die Berge nicht zu vergessen: Auf der Busfahrt von Marrakesch nach Ouarzazate ist mit jedem Kilometer alles weniger grün, brauner und wärmer geworden. Ich wäre bestimmt noch ein bisschen enthusiastischer über den Ausblick aus dem Busfenster gewesen, wenn mein Magen nicht so entschieden gegen die kurvigen Straßen rebelliert hätte… Auf dieser Busfahrt habe ich auch eine ganze Reihe neuer Gründe kennengelernt, die Hupe zu benutzen, eine in Marokko offenbar sehr viel mehr wertgeschätzte Funktion am Auto: Jemand, der einheimisch aussieht, steht an der Straßenseite, eine enge Kurve mit entgegenkommendem Auto wurde gemeistert, eine enge Kurve mit entgegenkommenden Auto  wurde nicht gemeistert und beide mussten anhalten, jemand hat überholt, jemand traut sich nicht zu überholen, ein teuer aussehendes Auto fährt vorbei und – am allerwichtigsten – ein befreundeter Busfahrer ist in Sicht.

Genug Verkehrsexkurs und weiter zu den Mustern. Die gibt es haufenweise, nicht nur in den Palästen und Moscheen sondern auf fast jedem Fliesenfußboden, auf ranzigen Restauranttoiletten, Tellern und Schüsseln. Ich bin sehr begeistert von gemusterter Keramik – meine Müslischüsseln zuhause sind ein Anfang – und habe oft glücklich Boden und Wände angeguckt. Oder für Kachelfotos gekniet. Ich bin ein bisschen wehmütig, denn in meinem weißen Badezimmer ist die einzige farbliche Abwechslung eine eindrucksvoll hässliche quietschgelbe Bordüre…

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Farben sorgen dafür, dass man sich fremd fühlt, aber auf eine gute Art. Sie tragen viel zu dem Gefühl bei, das einen an einem bestimmten Ort erfüllt und zeigen die ganze Zeit, dass man ganz woanders ist, wo es nicht grau und dunkelgrün ist wie Zuhause.

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Aït-Ben-Haddou

 

Couscous und Metzgerauslagen

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Ich war ein kleiner Hypochonder und hatte anfangs Angst vor Magenproblemen, weil unsere sensiblen, verwöhnten europäischen Verdauungssysteme teilweise nicht an die marokkanischen Standards gewöhnt sind. Vielleicht habe ich mich auch zu viel vom Internet in Panik versetzen lassen. „Magen- und Darmbeschwerden stellen sich für gewöhnlich nach drei bis vier Reisetagen ein.“ Na danke! Letztendlich hatten wir überhaupt keine Probleme und haben uns am Ende an fast alles getraut. Sicher sollte man etwas vorsichtig sein, aber grade in den Städten ist das Essen in Restaurants und auch an den Straßenständen frisch und wird offenbar vernünftig kontrolliert. Ansonsten bleibt man wie ich in den ersten Tagen bei Gekochtem und Geschältem, und traut sich dann immer mehr.

Unbenannt

Was man isst, ist richtig gut. Es wird viel in Tagines gekocht, das sind große Tongefäße mit spitz zulaufendem Deckel. Couscous ist üblich, und Eintöpfe mit Linsen und Bohnen. Außerdem hat mir der Tee gefallen. Zu jeder Tages- und Jahreszeit trinkt man Minztee mit extrem viel Zucker aus hübschen kleinen Silberkannen. Ich trinke gerne warm, auch im Sommer. Und es sieht schön aus, wenn der Tee in ganz langem Strahl zum Auskühlen in die kleinen Gläser gegossen wird.

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Zwei eigentümliche Sachen habe ich in Erinnerung: Gurken werden behandelt wie Kartoffeln oder Kürbis und gebraten und gegart – mit wabbeliger warmer Gurke konnte ich mich bis zum Ende nicht anfreunden. Und Avocados sind Obst, kein Gemüse, und werden zu süßem Saft gemacht, der wie Milchshake schmeckt.

Ich hatte das Gefühl, das bei vielen ein anderes Verhältnis zu Lebensmitteln herrscht, besonders bei Fleisch und Fisch. Alles ist noch etwas ursprünglicher. Supermärkte gibt es nicht wirklich (einen sehr teuren, sehr ausgestorbenen Carrefour haben wir gefunden, der aber hauptsächlich für Touristen gedacht war), also werden Lebensmittel auf Märkten und an Straßenständen gekauft. Fische werden oft direkt auf der Straße noch ausgenommen, ganze Kleintiere, mit und ohne Fell, werden angeboten, man kann sogar lebende Hühner in Käfigen aussuchen. Hufe und Köpfe zu sehen ist ganz normal. Auch wenn das vielleicht manche Vegetarier traumatisiert, ist das doch im Grunde besser als bei uns. Wenn man Fleisch so kauft ist man sich bewusster, dass man vorhat ein totes Tier zu essen. Wem ist das schon beim McDonalds Hamburger so richtig klar. Außerdem wird häufig noch das ganze Tier gekauft und verwertet, nicht nur die Hähnchenbrust, bei der man so schön wenig erkennt, dass das mal ein Vogel war.

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Beim Tierhautverarbeiten konnten wir auch einmal zugucken – es ist beeindruckend zu sehen und es riecht katastrophal. Ich musste daran denken, dass Grenouille aus „Das Parfum“ bei den Gerbern aufwächst, eine harte Kindheit…

Privilegien

„It’s closed this way.“ Den Satz haben wir oft gehört. Wenn man mit suchendem, leicht desorientierten Gesichtsausdruck durch die Stadt läuft, ist er wahrscheinlich unvermeidlich. Er kommt von Einheimischen, die Touristen überzeugen wollen, dass das gesuchte Museum, der Park oder die Moschee zu hat, es aber in einer anderen Richtung etwas Interessanteres gibt, man Ihnen doch einfach folgen und sie am Ende für den Dienst bezahlen soll.

sdrDas ungefragte Angesprochen werden, manchmal schon wenn man auf nebenliegende Straßenstände nur einen flüchtigen Blick wirft, war sehr ungewohnt für uns. Mein Freund ist ein besonders herzlicher und offener Mensch und fand es schwierig, Leute bewusst zu ignorieren und traurig, dass Hilfsbereitschaft auf der Straße oft nur mit Bezahlung einhergeht. Besonders am Anfang haben wir viel über unsere Touristenrolle gesprochen, über das Angequatscht werden, das zu viel Zahlen und das Handeln. Letztendlich darüber, wie privilegiert wir eigentlich sind, und wie ungerecht es ist, das für uns kleine Geldbeträge in Marokko so viel mehr bedeuten. Und dass die Einheimischen Recht haben wenn sie denken, dass europäische Touristen, selbst Studenten wie wir, in Marokko reich sind.

Und wie ist das als Frau? Ich hatte den Eindruck, dass ich auch gut allein hätte reisen können. Bestimmt wird man allein als Frau häufiger und etwas hemmungsloser angesprochen, vor allem wenn man blond ist – und andere Länder haben oft eine sehr viel großzügigere Definition von blond als wir. Aber Angst haben oder unsicher sein braucht man nicht. Mit männlicher Begleitung hatte ich außerdem nicht das Gefühl auf ein Anhängsel reduziert zu werden; vielleicht lag das ein wenig daran, dass ich im Gegensatz zu meinem Freund ein bisschen mehr Französisch kann als „Un jus d’orange s’il vous plaît.“.

 

Eselskarren, Eidechsen, Dromedare und Möwen

Das beschreibt etwa die Route, die wir genommen haben: Eselskarren haben sich oft auf den viel zu engen Innenstadtstraßen an uns vorbeigezwängt. Und ich habe mich gewundert, dass die Esel bei dem Trubel so ruhig bleiben, vor allem wenn ein Roller direkt neben ihren Ohren angelassen wird. Eidechsen gibt es im Gebirge, neben Chamäleons und überraschend großen Wüstenwaranen, die manche Leute in Ihren Jackentaschen mit sich rumtragen um sie an Aussichtspunkten Touristen zu zeigen oder Mädchengruppen damit zum Kreischen zu bringen.

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Dromedare sieht man nicht nur in der Wüste, aber welches Tier sollte die besser repräsentieren? Ich war sehr beeindruckt von ihnen. Irgendwie hatte ich im Kopf, dass Dromedare ungefähr so groß sind wie Pferde – das sind sie nicht, sie sind deutlich größer. Und trotzdem für mich viel friedlicher und weniger angsteinflößend (ich war nie ein Pferdemädchen). Und sie schaukeln tatsächlich heftig wenn man auf ihnen draufsitzt.

Möwen gab es dann zuletzt in Essaouira am Meer, wo es viel ruhiger und kühler und blau-weißer war als überall sonst. Essaouira war wohl unsere liebste Stadt. IMG-20180309-WA0005   dav

Am Hafen haben die Restaurants und Fischverkäufer ihre Abfälle oft einfach auf die Straße geworfen und Sekunden später waren sie von einer riesigen Traube Möwen umringt.

Die Katzen habe ich ganz vergessen, wie konnte ich! An der Küste wollten sie auch an die Fischreste, aber erst wenn die Möwen sich verzogen hatten. davIn ganz Marokko waren sie an jeder Ecke zu finden, in allen Farben und Mustern. So wunderbar Katzen sind, vielen hat man ihr Streunerdasein angesehen. Allerdings hat uns einer unserer Gastgeber erzählt, dass sich mehr und mehr Leute um die Katzen kümmern, manche hatten sogar kleine Häuser für sie gebaut. Bleibt zu hoffen, dass es so weitergeht.

 

Was mir im Grunde einfällt zu Eseln, Eidechsen, Dromedaren und Möwen ist die Vielfältigkeit, die wir erlebt haben. Dafür, dass wir nur zwei Wochen unterwegs waren, haben wir Großstadtgetümmel, Berge, staubige Wüste und die Küste gesehen und alles hat eine ganz eigene Stimmung. So vielseitig und unterschiedlich und anders werde ich Marokko in Erinnerung behalten. Und vielleicht nächstes Mal in den Norden fahren, nach Fès oder Rabat.

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Nach dem Urlaub haben wir Der Mann, der zu viel wusste geguckt, einen Krimi von Hitchcock von 1956 der teilweise in Marrakesch spielt. Ziemlich viel sieht noch genauso aus wie in den 50ern. Ich habe eine Seite gefunden, die die damaligen Drehorte sorgfältig rausgesucht und auf Google Maps angegeben hat. Die Sicht auf das Bab el-Khemis Tor ist jetzt von einer ziemlich befahrenen großen Straße versperrt, aber ansonsten…
http://www.themoviedistrict.com/the-man-who-knew-too-much-1956/
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